Zwischen Vorarlberg und Südspanien. Berge, Meer, Freiheit und Corona - Falkeaprende

Zwischen Vorarlberg und Südspanien. Berge, Meer, Freiheit und Corona

Vorarlberg und Südspanien

Gerade eben habe ich mich ein wenig über mein Land informiert – die Demonstration vom 3. Mai in Bregenz, die Geschichte über #kleinwalsertal etc. etc. Ich hatte davon gar nicht viel erfahren, da ich versuche, mich von diesem Überfluss an Information zu schützen. Nun aber habe ich ein wenig gelesen, gesehen und gehört, um wieder einmal zu wissen, was so in meinem Land passiert. 

Mi pequeño país – Mein Ländle

“Mi pequeño país” (mein kleines Land) pflege ich meine Urheimat zu nennen. Stolz erzähle ich meinen Freunden hier meist über ihre Innovationsfähigkeit, über das “net lugg lo”, über ihre gelebte Demokratie und den Zusammenhalt. Ich selbst lebe im Süden Spaniens, am Meer, direkt bei Gibraltar. Die Lebensfreude, die Offenheit, die Sonne und die Menschen haben mich hierher verschlagen, wo ich nun schon seit 25 Jahren lebe.

Alarmzustand und Ausgehverbot

Seit dem 13. März fast nur im Haus gewesen. Nur einkaufen war im Grunde erlaubt. Mein erst vor kürzerem gegründetes Lernzentrum habe ich seitdem nicht betreten. Ich habe aber begonnen Online-Aktivitäten anzubieten, um für Menschen da zu sein, die manchmal aus der Spur geraten, oder einfach auch, um zusammen mit Menschen die Erfahrungen und Gefühle zu teilen, die sich da gerade auftun.

Meine Freiheit – deine Freiheit

Ihr Vorarlberger habt nun für eure Freiheit demonstriert, während ich  hier wenige getroffen habe, die sich über den Ausgehplan ärgern oder kritisch äussern, den die spanische Regierung ab dem 2. Mai. verhängt hat. Seit diesem Tag, nach 7 Wochen absoluter Ausgangssperre, dürfen wir jetzt in freier Natur spazieren gehen. Aber nicht, wann wir können und wollen, oder wann die Sonne gerade scheint (denn, ob ihr es glaubt oder nicht, hier hat es recht viel geregnet, seit wir in dieser Quarantäne sind). Also, nicht nach Wetter, Laune oder persönlicher Situation, sondern nach einem strikten altersgestuften Stundenplan. Was heisst das? Kinder unter 14 dürfen zwischen 12:00 und 19:00 raus. Alte Menschen über 70 dürfen zwischen n 10:00 und 12:00 und von 19:00 bis 20:00 raus. Der Rest der Menschen, also zwischen 14 und 70, dürfen von 6 bis 10:00 und von 20:00 bis 23:00 Sport machen oder spazieren. So haben sie das verhängt, und bleiben dabei, auch jetzt, wo man schon Freunde und Familie besuchen darf. Uns ist nicht ganz klar, ob wir hier auch konkrete Besuchszeiten haben, oder ob wir das selber entscheiden dürfen. Eigentlich ist recht vieles unklar.

Mentalitäten von hie und da – ein Fall von Kulturschock?

Entschuldigt den leicht verärgerten Ton meiner Ausführungen. Ich versuche, mich nicht zu beklagen, doch ich musste und muss gelegentlich mal die Luft rauslassen, wie auch ihr. Bilder aus meiner Heimat zu sehen, bewegt innerlich sehr viele verschiedenste Gefühle, die mich auch daran erinnern, dass ich selbst keine Spanierin bin, obwohl ich dieses Land auch sehr liebe. Meine Gefühle gegenüber unserer Freiheitsbeschränkung kann ich kaum mit Menschen von hier teilen. Vielen scheint die Angst- und Panikmache sehr tief unter die Haut gegangen zu sein. Fast alle ärgern sich über die Politik, im Gesamten. Aber auf die Straße gehen oder ungehorsam sein ist im Moment hier kein Thema. Im Gegenteil, viele Leute glauben, dass es so sein muss, obwohl wir jeden Tag ab 20:00, also zu unserer Ausgangszeit eher ein “social event” beobachten können.

Kontroverse Meinungen

Nun aber möchte ich einmal allgemein über meine persönlichen Schlussfolgerungen schreiben. Dabei handelt es sich um Überlegungen, um Gedanken, die mir kommen, nicht wirklich um eine Meinung. Diese kann sich auch ändern – das tut sie sich auch immer wieder, denn  ich selbst, wie wahrscheinlich wir alle, habe ja eigentlich keine Ahnung, was halten von dem Virus, der Maskenpflicht oder Nicht-Pflicht (hier in Spanien gibt es keine Maskenpflicht). Wie denken über dieses “neue Leben”? Was wäre das “richtige” Verhalten? Ich habe keine Ahnung, was richtig ist, und was falsch. Ich komme aber dennoch zu Schlussfolgerungen über mein Leben und das Leben im Allgemeinen. 

Wir sind hier, um zu lernen

Zunächst, ein Grundsatz, den ich generell als Lebenseinstellung pflege: was immer in meinem Leben geschieht, sei es nun ganz persönlich oder ein weltweites Ereignis, ist auf jeden Fall eine Gelegenheit, um dabei etwas zu lernen, und zwar ist dieses Lernen dann immer persönlich. Ich habe sehr viel beobachtet in dieser Zeit: mich selbst, meine Gedanken, Ängste, Zweifel und Gefühle. Ich habe viel gehört – nach Innen, durch Atmung, Stille, Beobachtung, und nach Außen, die Menschen beobachtend, habe sie gefühlt, sie gehört und mich mit ihnen ausgetauscht. Es hat mich sehr überrascht, und ich muss zugeben, auch erfreut, wie viele Menschen das Beste aus dieser Situation gemacht haben, oder sagen wir, bestrebt waren, das Beste daraus zu machen.

Auf Menschlichkeit getroffen

Auch habe ich erfahren, dass Menschen sich öffnen und Hilfe suchen, wenn es ihnen  nicht so gut ging. Es gab viel weniger Schamgefühl demgegenüber. Ja, es ist nicht schlimm, sich mal so schlecht zu fühlen, dass man mal mit jemandem, der andere begleiten kann, darüber spricht, und auch versucht, durch Atmung und Beobachtung der Gedanken und körperlichen Gefühle die Emotionen auszugleichen, um dann wieder klarer denken zu können und gut überlegte Entscheidungen zu treffen. Ich habe recht viel Kontakt mit Kleinunternehmern und Selbständigen Lehrern und Freunden gehabt, die sich mir geöffnet  oder sich mir sogar als Therapeutin anvertraut haben. Ich habe mehr denn je echte Gespräche mit “echten Menschen” geführt. Tja, es schien mir immer wieder, dass die Masken, die wir uns aufgesetzt hatten, unsere unsichtbare Maske weniger wirksam gemacht hat. 

Kein Davonlaufen vor sich selbst

Irgendwie schien es mir, dass die Dinge, die wir alle so herumtragen, ohne sie zu “sehen”, ohne sie anzupacken, obwohl sie hie und da immer wieder irgendwo zwischen Magengegend und Hals “zwicken”, nun richtig  ins Licht treten und konfrontiert werden müssen. Natürlich geschieht dies nicht ganz ohne gewisse Krise, oder das Gefühl einer Krise oder eines depressiven “Downs”. Aber da nun das Davonlaufen nicht mehr geht, wird das jeweilige Thema auch angepackt, wird nachgedacht, wird etwas geändert, herausgelassen, herausgeschrienen, – gesagt oder gar -geweint. So viele von uns haben sich verändert, haben etwas in ihrem Leben mehr oder weniger radikal geändert. Sichtweisen und Blickwinkel haben sich, ich möchte sagen, für uns alle verändert, und für manche ist es die Lebenssituation. Partner sind zusammengewachsen, andere haben möglicherweise erkannt, dass es wirklich keinen Sinn hat, andere wiederum entdecken ihre wahre Mission im Leben und ändern ihre berufliche Beschäftigung. Manche fühlen sich ruiniert, andere konnten ein wirtschaftliches Wachstum feststellen. 

Alles ist in ständiger Bewegung

Eines ist klar geworden: wir sind in Bewegung. Nichts ist Sicher, und keine Kenntnis ist eine so absolute Wahrheit, wenn sie auch noch so sehr als “wissenschaftlich erwiesen” gilt. Und das ist den Menschen weltweit klar geworden. Bisher haben nur eher spirituelle Gruppen davon gesprochen, dass wir im “Hier und Jetzt” leben müssen, jetzt wird uns allen klar, dass die Zukunft zwar geplant, aber keineswegs gestaltet werden kann. Jeder Plan muss täglich oder gar stündlich verändert werden, da die Umstände sich jederzeit ändern können. Wir können nun weiterhin glauben, dass wir bald wieder zu unserem “Leben in Sicherheit” zurückkehren, oder aber lernen, dass das Leben sich immer anders verhält, als wir es planen oder wünschen. 

Den Sinn wieder finden

Auch das Geld hat einen neuen Stellenwert bekommen. Viele haben entdeckt, dass wir wirklich besser und, ja, glücklicher leben, wenn wir zusammenhalten. “Reich sein” hat unter dem Einfluss von Corona keine Bedeutung mehr. Wir wollen einfach ein friedliches Leben, wir wollen raus dürfen, frei sein, auch mal ein gutes Essen in einem Restaurant genießen können, wandern, feiern, tanzen. Wir wollen Freunde besuchen können, wir wollen Freundschaft und Zusammenarbeit pflegen. Wir brauchen nicht so viele Kleider, Autos und derlei materielle Dinge. Diese haben an Wert verloren, und ich denke, dass sie dies langfristig tun werden. 

Richtungswechsel

Nein? Dir scheint das nicht so? Ja, du hast recht, bei vielen Menschen wird das nicht so sein. Viele Menschen scheinen sich nicht zu ändern. Was sich bei mir geändert hat, ist die Richtung, wohin ich meine Aufmerksamkeit richte. Und in der Richtung, wo ich hinschaue, da finde ich Menschen, die ich vorher zwar sah oder ahnte, aber meine verletzte und misstrauische Brille gegenüber den Menschen hatte mir den Blick trüb gemacht, und ich konnte nicht erkennen, wie viel Menschlichkeit in uns allen steckt. Ja genau, in uns ALLEN, auch wenn nicht alle es wissen, es leben oder zeigen. 

Das Leben leben

Ja, meine lieben Leute in meinem “pequeño país”, ich sehne mich nach euch, und nach unseren wunderschönen Bergen, Hügeln und Spazierwegen. Mir kommen die Tränen, wenn ich denke, dass ich getrennt von euch bin, dass mich meine Lieben nicht besuchen können, und dass auch ich nicht zu ihnen kann. Meine Mama wird 80, und ich kann nicht mit ihr feiern, kann ihr nicht mit meinen Schwestern, Neffen und Nichten ein “Ständle” singen. Das ist ein bisschen traurig, aber dennoch ist es nun eben gerade das Leben. Ich habe hier noch viel zu tun, ich habe hier in der Zwischenzeit noch einiges zu lernen und zu leben. Das werde ich tun: leben. Und irgendwann werde ich dann auch wieder mal in heimkommen dürfen, denke ich. Bis dahin werde ich weiterhin zuhören, hier, da und mit Menschen aus aller Welt. Ich werde die Apps und Internet nützen, um mich verbunden zu sehen mit den Menschen. Weiterhin werde ich lernen zu leben, jeden Tag, mal fröhlich und ausgelassen, mal trauriger und nüchterner. Das Leben ist ungewiss, und es ist eine ständige Überraschungskiste, die uns mal erfreut, mal enttäuscht, mal zum Lachen und mal zum Weinen bringt. 

Ich liebe die Menschen, und ich liebe dieses Land, von dem ich komme, und ich liebe das Land, in dem ich jetzt lebe. So schlecht auch vieles politisch funktioniert – hie und da – in jedem dieser Länder gibt es Menschen, die mehr miteinander gemeinsam haben, als wir uns vorstellen können.  

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